Dies und Das, Familie

Vom Stühlerücken und ausziehbaren Tischen – wenn die Familie wächst…

Vom Stühlerücken und ausziehbaren Tischen

Vater – Mutter – Kind. Dann wird ein Baby geboren und schwups kommt man fast nicht mehr um den Begriff der „Entthronung“ herum. Er hängt wie ein unheilvolles Damoklesschwert über der kleinen Familie. Eine schlimme Zeit steht bevor, dröhnt es aus allen Ecken und von allen Enden. Stichworte wie geteilte Aufmerksamkeit, Wutanfälle, Überforderung … fallen. Angst macht sich breit.

Ich mag den Begriff „Entthronung“ nicht. Er impliziert für mich etwas von Entmachtung, aber darum geht es doch gar nicht. Niemand wird entmachtet oder gar (ins Unheil) gestürzt, nur weil ein BABY neu in die bestehende Familie einzieht! Man muss es sich mal ganz genau auf der Zunge zergehen lassen: ein Baby soll das familiäre Armageddon einläuten? Echt jetzt??!! Nein.

Es ist vielmehr ein Stühlerücken und Tische ausziehen. Man macht Platz. Man schafft Raum für ein neues Familienmitglied. Noch weiß niemand so recht, wo sein neuer Platz sein soll. Man muss es ausprobieren. Try and error. Es ist keine Schande, wenn sich beim ersten Versuch kein perfekter Sitzplan ergibt. Man braucht etwas Geduld. Bei uns dauert es immer in etwa 7-8 Monate bis wir ansatzweise wissen wer wo sitzen soll und mag. Wer welche Nähe sucht und braucht. Wie groß der Tisch sein muss, damit alle genügend Platz haben, um sich entfalten zu können. Wer mag am Kopfende des Tisches sitzen? Wer braucht diesen extra Platz? Wer aber möchte lieber eng gedrängt auf der Bank zwischen den anderen sitzen? Wer braucht dieses enge Miteinander? Man muss so viel bedenken. So viel ausprobieren.

Natürlich ist der Tisch, an dem die Familie Platz nimmt, nur ein Symbolbild für das Familiengefüge, dass sich neu zurecht rücken muss. Das Platz für eine neue wunderbare kleine Person schaffen muss und eigentlich auch will, nur manchmal noch nicht so genau weiß wie. Und mit jedem neuen Kind beginnt dieser Prozess auf ein Neues. Man setzt vielleicht nicht mehr ganz bei Null an, aber es bedarf wieder viel Zeit und Geduld.

Aber irgendwann haben alle ihren Platz gefunden. Fühlen sich wohl dort und haben die Gewissheit, dass es ihr Platz ist. Diese Sicherheit hilft. Man kennt seinen Platz. Das ist ist ganz wichtig. Für alle Familienmitglieder. Auch für uns Eltern. Auch wir müssen uns finden. Aber das wird ganz im Gegensatz zum allgegenwärtigen „Entthronungsthema“ kaum angesprochen. Wieso eigentlich? Eine Tabu? ich möchte damit brechen.

Die schmollenden Eltern

Anno 2011. Nun sind wir endlich Eltern. Wir sollten glücklich sein. Sind wir auch, ABER… wir streiten um jede Kleinigkeit. Wirklich um JEDE. Es nervt – mich und ihn. Alles muss neu verhandelt werden. Oftmals sind wir gefangen gewesen in einer Endlosschleife aus Vorwürfen, Enttäuschungen, überhöhten Idealen und nicht gesehenen Bedürfnissen.

Man beharkt sich in und verharkt sich in allabendlichen Anschuldigungen, anstatt konstruktive und lösungsoriertierte Gespräche zu führen. Wir fühlen uns beide unverstanden. Nicht gesehen. Allein. Wo ist das WIR hin? Es gibt nur noch ein Gegeneinander: ich gegen dich – du gegen mich. Dabei würde ein Perspektivwechsel und ein positiver Einstieg ins Gespräch so vieles einfacher machen.

Erst beim Schildnöck ist es uns gelungen Fragen zu stellen wie:

Was würde DIR jetzt gut tun?

anstatt aus eigenem Frust heraus mit Vorwürfen um uns zu werfen

Du musst noch…

Du hättest aber…

Gerade an Abenden, wenn schon einer von uns wütend, nicht mit in diese Wut einzusteigen, ist bis heute einer der schwierigsten Aufgaben. Auch wir als Eltern wollen gesehen werden. Die Arbeit, die Sorgen, die Überforderung. All das braucht Raum und eben auch ein Gegenüber, der darauf eingeht und versucht hinter dem emotionalen Ausbruch eigentlichen Grund zu sehen, ohne sich persönlich angegriffen zu fühlen.

Wir mussten erst einmal akzeptieren lernen, dass sich etwas verändert hat. Dass nicht alles wie vorher ist. Auch nicht, wenn ich mich wie ein schmollendes Kind auf den Boden werfe und schreie:

Ich will das nicht!!!!*

*ja, so tief (auf den Boden) bin ich schon gesunken…

Nein, auch dann nicht.

Der Tisch hat mittlerweile mehr als zwei Stühle. Ist breiter und lässt sich problemlos in mehreren Stufen ausziehen. Es hat sich einiges verändert. Aber das ist gut so.

Alles Babyplüsch oder was?!

Ich liebe Babyplüsch, wie wir wohl alle. Ich zelebriere ihn auch gerne. Es sind nämlich die Momente, von denen ich zehre, wenn es hier Streit gibt, alle heulen oder man sich nicht genug gesehen fühlt. Es gibt beides. Es gibt kein „entweder – oder“, sondern ein „auch“. Vorhandener Babyplüsch schließt nicht automatisch schwierige und anstrengende Phasen aus. Warum auch? Manchmal überwiegt – ganz objektiv betrachtet – der anstrengende und kräftezehrende Part. Manchmal nicht nur einen Tag, sondern Wochen und Monate.

Ich für mich, entscheide aber am Ende des Tages, was ich in den Mittelpunkt stellen möchte. Das Fazit ziehe immer noch ICH!!! Wenn ich meinen Fokus zu sehr auf die negativen Dinge lenke, merke ich sehr schnell, dass ich die schönen kleinen Momente des Tages nicht mehr ausreichend sehen und genießen kann. Ich übersehe sie. Schenke ihnen nicht genug Beachtung. Dabei sind sie das zarte Licht im manchmal sehr grauen und anstrengenden Alltag.

„Allen gerecht werden.“ heißt nicht, alle gleich zu behandeln!

Was bedeutet das eigentlich:

Allen gerecht werden?

Ist das überhaupt möglich? Sicherlich nicht immer. Und sicherlich nicht immer unverzüglich. Aber im Grundsatz geht es „nur“ um Bedürfnisse. Bedürfnisse, die gesehen werden wollen.

Ich muss nach den Bedürfnissen jedes einzelnen Kindes schauen. Was braucht es gerade? Manchmal ist z.B. der Wunsch gesehen zu werden bei NotYet größer, als bei seinen Geschwistern. Obwohl er objektiv betrachtet zuerst einmal der vermeintlich Vernünftigere sein sollte, der besser „zurückstecken“ kann, so bekommt er doch viel Exklusivzeit und extra Zuwendung von uns. Weil er eben den Bedarf danach hat! Punkt. Und es müssen nicht immer stundenlange Ausflüge sein, sondern manchmal sind es auch nur Kleinigkeiten, wie z.B. dass ich seine Geschwister im Auto schlafen lasse, während ich ihn von der Klasse abhole. Allein schon diese kurze ungeteilte Aufmerksamkeit bedeutet ihm viel, denn er möchte mir genau JETZT so viel erzählen.

Der Schildnöck hingegen kann auch mal 1 Stunde selbstvergessen auf der Decke spielen, ohne irgendetwas oder irgendjemanden zu vermissen. So unterschiedlich meine Kinder sind, so unterschiedlich sind auch ihre Bedürfnisse. Wenn ich sie gleich behandeln würde, würde ich ihnen keinesfalls gerecht werden. Ihre Bedürfnisse sind einfach zu verschieden.

Eingefahrene Pfade müssen neu entdeckt werden. Das fordert alle Familienmitglieder. Eltern und Kinder. Es ist ein gemeinsamer Weg – mal sonnig, mal steinig. Aber irgendwann kommen wir als Familie an. Gemeinsam.


Ich danke, an dieser stelle Lea von Nahtkäfer für das Brainstorming. Dieser Text schlummerte schon so lange im Entwürfeordner, aber ich hatte nie die passenden Worte für eine Überschrift gefunden. Irgendwann schlug sie „Vom Stühlerücken und ausziehbaren Tischen“ vor. Und ich wusste: Genau DAS ist es. Danke <3

***

Es scheint der Tag der Entthronungstexte (das Wort will ich ja eigentlich nicht mehr benutzen… 😉 ) zu sein, denn auch Julia von Mama Juja hat einen unbedingt lesenswerten Beitrag dazu veröffentlicht. Schwestern im Geiste kann ich nur sagen <3 Und wenn ich nicht genug zu essen bekomme, herrscht hier ebenfalls Eiszeit, aber lest lieber selbst …

 

*EURE MOTHER BIRTH*

#allengerechtwerden #Baby #Babyplüsch #Beachtung #Bedürfnisse #Entthronung #Familie #Geschwister #Geschwisterkinder #Streit #Stühlerücken #Vorwürfe

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12 Gedanken zu „Vom Stühlerücken und ausziehbaren Tischen – wenn die Familie wächst…“

  1. Liebe Mother Birth,

    Auch ich finde den Titel wirklich toll und kann das Wort „Entthronung“ überhaupt nicht leiden. Bevor ich ein Kind hatte, habe ich mich damit natürlich auch nicht auseinander gesetzt, wobei mir schon damals klar war, dass es eine „Umstellung“ für die ganze Familie wird, wenn man ein weiteres Kind bekommt. Von Entthronung hab ich dann erst auf diversen Blogs gelesen…
    Und ehrlich gesagt, hat es mich ein bisschen erschreckt, denn in diesem Wort schwingt so viel Negatives mit! Eine zeitlang hatte ich ein echt schlechtes Gefühl bei dem Gedanken an ein weiteres Kind, weil es scheinbar so viel Schlechtes für unser erstes Kind bedeuten würde… Aber dein Beitrag hat mir – wie immer ❤ – Mut gemacht und das, was ich in meinem Innersten fühle, nämlich, dass hier niemand entthront wird, sondern ein neues Familiengefüge entsteht, welches sich einspielen muss, noch mal verdeutlicht!

    Alles Liebe cao

    1. Liebe Cao,

      es geht um Integration eines neuen Babys in das bestehende Familiengefüge und eben nicht um Entmachtung es älteren Geschwisterkindes.
      Es gibt Geschwisterkonstellationen, da ist es schwierig. Sehr sogar. Aber auch da mag und kann ich nicht von Entthronung sprechen, da ich diese Wort in so vielerlei Hinsicht falsch finde. Unpassend.

      Es freut mich, dass ich die mit meinem Text Mut zusprechen konnte. Ich war ehrlich gesagt schon vor dem ersten Kind verunsichert, da im Familienkreis diese Zeit als sehr negativ beschrieben wurde bzw. mit einem Flugzeugabsturz verglichen wurde. Das machte mir damals Angst.
      Als Einzelkind hatte ich große Bedenken, wie es funktionieren soll mit 2 Kindern. Geht das überhaupt? Bin ich genug? Wer muss leiden? Bin ich egoistisch, wenn ich ein weiteres Kind bekomme und mein erstes dadurch „vernachlässigt“ wird? Bin ich eine schlechte Mutter? Solche Gedanken kamen mir als ich im Netz Artikel für Entthronung las – damals 2013…

      Liebe Grüße
      Mother Birth

  2. Ach du Liebe <3 Dein Text auch auch ganz wundervoll. Ich liebe den Satz "der Prinz mit Pfefferminz"!
    Ich weiß gar nicht, ob ich so viel mehr Lösungen in meinem Text biete. Es sind nur Wege, die AKTUELL bei UNS funktionieren. Das heißt aber auch, dass es in 1 Woche oder einem Monat schon nicht mehr so sein muss. Eine Familie ist ein dynamisches Gefüge, dass sich in einem zimmerwährenden Veränderungsprozess befindet. Man muss flexible bleiben und sich immer wieder anpassen und nachjustieren. Das empfinde ich immer als anstrengend, weil ich doch gerne dazu neige mich auf dem gerade erreichten Status quo ausruhen zu wollen.

    Und ganz ehrlich: meinem Bedürfnis entspricht es absolut nicht, dass ich meine kleinen Kinder schlafend alleine im Auto lasse (natürlich nur im Winter). Aber es entspricht dem (Schlaf-)Bedürfnis von K2 und K3 und hat noch den Zusatznutzen, dass sich K1 gesehen fühlt. Manchmal muss man dann als Mutter seine eigenen Bedürfnisse und Ängste hintern anstellen… Fällt mir schwer. Ganz ehrlich.

    Liebe Grüße
    Mother Birth

  3. Danke für deinen tollen Beitrag! Auch bei uns müssen Stühle und Tische gerückt werden. Vor sechs Monaten die der Gefühle, der Babyblues beim zweiten Kind hat mich umgehauen und nun haben wir tatsächlich eine kleine Mitesserin, die bald einen eigenen Stuhl braucht 🙂

    Nein, keiner spricht über die Bedürfnisse die sich, auch wenns nicht das erste Kind ist, wieder beiden Eltern ändern. Es ändert sich nicht nur was für größere Geschwister. Wie du schon sagst, das ganze Familiengefüge ändert sich. Und das braucht Zeit, Geduld und bestimmt mehr als nur einen Versuch.

    1. Liebe Claudia,

      bei uns als Eltern war die Phase nach der Geburt unseres ersten Kindes vermutlich viel schlimmer als alles was jetzt meine Kinder an emotionalen Ausbrüchen an den Tag legen. Von daher verstehe ich sie nur zu gut 😉 …

      Man muss sich als Familie erst finden. Das mussten auch wir als Eltern erst einmal begreifen. Allein schon die Erkenntnis, dass dieser Prozess in Ordnung ist und nicht vermeidbar ist, hat enorm geholfen.

      Liebe Grüße und viel Spaß beim Stühlerücken 😉
      Mother Birth

  4. Ein sehr schöner Beitrag! Meine Kinder sind ja schon 5 und 7, deshalb habe ich mich länger nicht mit dem Wort Enttrohnung auseinandergesetzt, aber beim Lesen merke ich, wie sehr Du mir aus dem Herzen sprichst.
    Bei uns war es nach der Geburt des Geschwisterkindes so, als wäre es schon immer da gewesen, auch wenn sich natürlich vieles zurecht ruckeln musste.
    Liebe Grüße, Svenja

    1. Liebe Svenja,

      wir verwenden oft Worte ohne uns wirklich bewusst zu machen, was sie auf sprachlicher Ebene mit uns und unserem Denken machen. Dies ergeht mir übrigens ähnlich bei dem Wort: ENTBINDEN. Ich nutze es nicht. Stattdessen sage ich: GEBÄREN. Ich finde, dass wir Sprache stärker hinterfragen und auch achtsamer mit ihr umgehen sollten.
      Deshalb ist es mir wichtig, darauf aufmerksam zu machen.
      Es freut mich, wenn dir mein Text gefallen hat <3

      Liebe Grüße
      Mother Birth

  5. Dein Bild ist so treffend! Wir suchen tatsächlich aktuell wieder nach der richtigen Tischordnung. Hier ändern sich gerade die Bedürfnisse, weil die Kinder größer werden.

    1. Liebe Sonja,

      ich finde das Bild auch ganz wunderbar und viel positiver als das Bild, das in meinem Kopf entsteht, wenn von „Entthronung“ gesprochen wird. Es geht ja um Integration und eben nicht um Entmachtung.

      Liebe Grüße
      Mother Birth

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