Dies und Das, Familie, Mother Birth

Brief an mein Inneres Kind

Liebes Inneres Kind,

ich weiß, du bist getriggert worden. Der Krebs hat dich getriggt. Du hast deine Gründe dafür. Gute Gründe. Nie mehr willst du dich so haltlos fühlen wie damals. So schutzlos. So allein.

Mein Verstand analysiert die aktuelle Situation messerscharf. Reflektiert. Ordnet ein. Bewertet. Trotzdem bin ich gefangen in meinem Emotionen. In dieser endrutschartigen Gefühlslawine, die mich mitreißt. Ich habe das Gefühl keinen Boden mehr unter meinen Füßen zu spüren. Mir fehlt die Erdung. Kein Anfang – kein Ende. Ein Strom, der mich orientierungslos hin und her wirft.

Das bist du, mein liebes Inneres Kind. Du hast Angst. Eine alles überschattende Angst vor diesen Emotionen, die dich damals übermannt haben. Die dich hilflos mitgerissen haben. Mit denen du nicht umzugehen wusstest und über die niemand sprach. Sie schienen unangebracht oder gar unpassend zu sein. Aber wieso haben sie sich dann so richtig angefühlt? Du spürst immer noch diese Zerrissenheit in dir. Nicht? Dieses Anderssein. Und fragst dich: bin ich verkehrt oder die anderen?

Und wieder ist da diese Wut. Deine Wut. Es ist eine lodernde Flamme. Sie frisst sich durch mein Innerstes bis sie zum Flächenbrand geworden ist. Die Wut ist Ausdruck – Ausdruck für ein ganz anderes Gefühl. Ein verborgenes Gefühl. Eins, was man nicht zeigen durfte. Eins, was niemand zeigte. Eins, wofür man sich schämen musste. Eins, das einen schwach aussehen ließ. Und Schwäche kannst du dir nicht leisten, denn du musst stark sein. Stark für dich und andere.

Es ist, als wenn jemand die Zeit angehalten hätte für mich. Keine Vergangenheit – keine Zukunft. Und im Hier und Jetzt hat irgendjemand die Pausentaste gedrückt. Weder Ein noch Aus. Stillstand. Aushalten. Die Situation aushalten, auch wenn man vorspulen möchte. Es hinter sich bringen will. Bloß vergessen. Einfach verdrängen.

Ich weiß, dass du das willst. Ich verstehe deinen Wunsch. Aber diesmal nicht, mein liebes Inneres Kind. Diesmal müssen wir endlich versuchen einen anderen Weg zu gehen. Ich kenne ihn auch noch nicht. Meine Familie konnte ihn mir nie zeigen, denn sie kennen ihn vermutlich selbst nicht. Wir müssen ihn finden. Zusammen.

Mein Inneres Kind tobt. Will davon nichts hören. Begehrt auf. Es WILL, WILL, WILL es nicht akzeptieren. Es stampft mit dem Fuß auf, brüllt, schlägt um sich. Es wütet, denn es ist wütend. Auf sich. Auf andere. Auf die Welt. Auf den Krebs. Einfach auf alles. Am liebsten würde es weinen, aber das geht ja nicht …

Aber ist es wütend? Ist es wirklich das, was es fühlt? Was ich fühle? Nein. Ist es nicht. Es ist traurig. Wir sind traurig. Trauer ist das eigentliche Gefühl. Es wird überlagert – überschattet – durch diese unbändige Wut. Diese Wut ist aber auch nur ein Ventil. Ein Ventil dafür, dass überhaupt irgendeine Emotion ans Tageslicht dringt und ich nicht innerlich an ihnen zu ersticken drohe. Es ist eine  Überlebensstrategie. Erdacht von dir, liebes Inneres Kind.

Du hälst an ihr fest. Du hälst DICH an ihr fest. Sie gibt dir Halt. Sie hat sich bewährt. Auf sie kannst du dich verlassen. Und jetzt komme ich und wage etwas zu ändern. Es überhaupt an zudenken. Ich verstehe deine Empörung. Deine Angst. Aber vielleicht gibt es ja mehr als „nur“ eine ÜBERLEBENSstrategie… Vielleicht gibt es ja einen Weg zurück zu dem eigentlichen Gefühl – dem Gefühl der Trauer.

Gehalten werden…

Und hinter all der Wut, möchtest du eigentlich nur in den Arm genommen werden. Gehalten werden. Wissen, dass du nicht allein ist. Nicht stark sein musst. Dich fallen lassen kannst. Wissen, dass andere für es da sind. Ich bin für dich da. Ich halte dich. Ich übernehme die Verantwortung.

Eins verspreche ich dir: immer wenn ich diese Wut spüre – also dich spüre, liebes Innere Kind – werde ich versuchen mich nicht von dir mitreißen zu lassen. Nicht einzusteigen in deine Wut. Ich will versuchen diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Ich weiß, dass es schwer wird. Ich weiß, dass wir Rückschläge einstecken werden. Ich weiß, dass sich nichts von heute auf morgen ändert. Aber ich kann es versuchen. Ich werde es versuchen. Jeden Tag aufs Neue.

Ich werde innerlich niederknien vor dir und dich ganz fest in die Arme nehmen. Denn das ist es, was du so lange vermisst hast und wonach du mit deiner Wut so verzweifelst schreist.

Wir schaffen das. Gemeinsam.

 

In Liebe und Bewunderung

Mother Birth

 


Ich möchte noch 3 Menschen danken, die mich dazu gebracht haben diesen Text so schreiben zu können und zu wollen:

  • Danke Jessi, dass du mit deinem Text „Mit Kindern gemeinsam den Tod (nicht) verstehen“ mich dazu bewegt hast, mich bewusst mit dem Thema Tod und Trauer auseinander setzen zu wollen.
  • Und natürlich ganz herzlichen Dank liebe Tanja, dass du mit deinem Onlinekurs: Entdecke deine Hochsensibilitätso viel in mir anstößt und bewirkst. Du trägst einen ganz großen Anteil an diesem Heilungsprozess, der endlich einsetzten darf <3 <3 <3
  • Und zu guter Letzt möchte ich noch meinem Mann danken, dass er auch mal den Finger in die Wunde legen kann – auch wenn ich es in dem Moment nicht hören mag und mein Inneres Kind nur noch wütender wird. Trotzdem danke. Du stößt immer wieder Gedanken und Prozesse an. Das sollte ich dir viel öfter sagen… <3

 

*Ich habe von Tanja die Möglichkeit erhalten ihren Kurs kostenlos mitzumachen. Trotzdem verstehe ich diesen sehr persönlichen Beitrag nicht als Werbung. Ich hoffe, ihr versteht mich und seht es ähnlich.


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6 Gedanken zu „Brief an mein Inneres Kind“

  1. Danke für diesen persönlichen Text! Ich konnte so vieles von meinem Erlebten darin wieder finden und hatte das Gefühl nun einiges viel besser zu verstehen, da du deine Gedanken und Gefühle so passend zum Ausdruck gebracht hast. Besser hätte ich nicht beschreiben können, was in Bezug auf Traumata in einem vorgeht. Echt klasse geschrieben. Eine große Herausforderung, sich um die Pflege des inneren Kindes zu kümmern. Ich bewundere alle dafür, die sich damit auseinandersetzen! Alles Gute wünsche ich dir.

    1. Es ist ein ganz schwieriges Thema – oft auch sehr schmerzhaft. Mir selbst hat es geholfen es niederzuschreiben. Es ist ein Loslassen. Mir hat es gut getan es durch Worte zum Ausdruck zu bringen, was lange Jahre mich innerlich zerfressen hat.
      Ich wünsche dir, dass es dir auch irgendwann gelingen möge.
      Fühle dich umarmt.

      Liebe Grüße
      Mother Birth

  2. Liebe Beate,

    ein mir nahestehender lieber Mensch ist aktuell an Krebs erkrankt. Aber das Thema Krebs zieht sich schon sehr lange wie ein roter Faden durch mein Leben. Ein roter Faden, der tiefe seelische Wunder hinterlassen hat – Traumata.

    Deshalb triggert mich diese Krankheit immer extrem.

    Danke für dein Mitgefühl <3

    Liebe Grüße
    Mother Birth

  3. Oh meine Liebe,

    Liebsten Dank für diesen Text. Deine Auseinandersetzung mit deinem Inneren Kind ist gefühlsgewaltig und stark. Mach weiter so, denn dein Weg ist euer Weg ist ein guter Weg.

    Fühlt euch umarmt!
    Alles Liebe Jessi

    1. Liebe Jessi,

      danke für deinen Kommentar. Deine Worte bestärken mich, dass ich mich auf dem richtigen Weg befinde. Ich möchte im Dialog mit meinem Inneren Kind bleiben. Wir haben viel aufzuarbeiten.

      Liebe Grüße
      Andrea

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